Ein Kuriosum seltener Art: eine Schutzhütte in den Zillertaler Alpen, in deren Gastraum die Grenze zwischen Österreich und Italien verläuft. In dieser Hütte —so war mein langgehegter Plan und Wunsch — einmal zu erleben, wie es sich anfühlt, gleichzeitig in zwei Ländern Gast sein zu dürfen, wollte ich in einer mehrtägigen Bergtour als Etappenziel herausfinden.
Aber zuerst der Reihe nach:
Wegen Gewitterwarnung verlegte ich die Abfahrt um zwei Stunden nach vorne, um die Chance zu haben, trocken auf der Geraer Hütte anzukommen, was wir auch schafften, wenngleich ein paar Regentropfen kurz vor der Hütte die Wetterprognose bestätigten. Der Beginn der Wanderung beim Gasthof Touristenrast im hinteren Valsertal war allerdings sehr schweißtreibend und der weitere Anstieg zur Hütte durch zunächst lichten Lärchenwald war durch seine Schattenspende ein willkommenes Geschenk der Natur. Schon im Zustieg waren wir beeindruckt von den imposanten Felswänden der umliegenden Gipfel von Olperer, Fußstein, Schrammacher und Sagwandspitze und der Blick hinunter ins 1000 m tiefere Valsertal erfüllte uns schon mit ein wenig Stolz, diesen Anstieg geschafft zu haben und als Trost verkündete ich, dass in den nächsten zwei Tagen nicht mehr Höhenmeter zu bewältigen seien.
Die erste Tagesetappe des folgenden Tages war die Alpeiner Scharte auf 2950 m Höhe. Eine erste Rast legten wir auf ca. 2800 m Höhe bei einem ehemaligen Bergwerksstollen ein, wo ich im Internet folgende Info fand:
Im 2. Weltkrieg wurde im Valsertal, Nordtirol unter gigantischen menschlichen Anstrengungen ein umfangreiches Bergbauprojekt in einer Ganzjahresbaustelle in 2800 m Seehöhe angelegt.
Die Spuren dieses Bergwerkes sind heute fast völlig verschwunden.Für den Molybdänbergbau unter der Alpeiner Scharte mußte eine gigantische Transportseilbahn errichtet werden. Diese hatte eine Länge von 4980 Meter. Sie führte über 13 Stützen bis zum Kuppenübergang bei der Hohen Kirche (2634 m) und dann mit neun weiteren Stützen bis zur Endstation beim Stollen (2783 m). Es war eine Umlaufseilbahn mit zwei Tragseilen (32 mm) und einem Zugseil (27 mm).
Die Stahlkonstruktion der Bergstation steht noch — wie wir sie von unserem Rastplatz bewundern konnten und gleichzeitig fragten, wie man mit den Mitteln der damaligen Zeit so etwas überhaupt erstellen konnte. Der steile Schlussanstieg auf die Alpeiner Scharte erforderte wegen der vielen losen Steine große Vorsicht und Konzentration. Bei der Rast in der Scharte schweifte unser Blick hinüber zu den Gipfeln und dem Wegverlauf des Berliner Höhenweges, den wir im Vorjahr begangen hatten. Die folgende Etappe führte uns dann auf dem Weitwanderweg München — Venedig zum Pfitscherjochhaus, wo wir die Übernachtung reserviert hatten. Ein Bad im kühlen See bei der Hütte war bei diesen Temperaturen eine willkommene Abwechslung.
Schon früh starteten wir am dritten Tag um die morgendliche Kühle zu nutzen, aber auch, weil wir an diesem Tag die längste Etappe mit 18 km Wegstrecke, 750 m im Aufstieg und 1600m im Abstieg zu bewältigen hatten. Nach drei Stunden erreichten wir die Landshuter Hütte, auch Europahütte benannt auf knapp 2700 m Höhe, wo ich im Gastraum die besagte Grenze Österreich — Italien überschreiten wollte. Doch daraus wurde nichts, denn die Hütte ist seit 2025 im Umbau und eine Nächtigung ist hier noch nicht möglich. Der imposante Neubau steht aber schon und dürfte in den kommenden Jahren sicher viele Besucher und Neugierige anziehen.
Nach ausgiebiger Rast führte der weitere Wegverlauf zum Sumpfschartl über einige Schneefelder und Blockgelände, was ziemlich anstrengend war. Ab hier ging's nur noch bergab und einzig der Steilabstieg über den Geistbeckweg bei der Langen Wand sorgte noch für Anspannung. Wie ausgesetzt ist das Ganze? Sind die Sicherungsseile nach dem Winter intakt oder liegen sie möglicherweise noch unter Schnee?
An der entscheidenden Stelle angekommen — ein prüfender Blick — und Entwarnung! Kein Schnee und das Stahlseil in bestem Zustand verankert, ebenso weiter unten eine Eisenleiter. Nach dieser Schlüsselstelle ging's weiter bergab durch prächtige Alpenrosenfelder, vorbei an der Zeischalm und später auf einem Fahrweg hinaus zum Parkplatz. Nach einem erfrischenden Bad im Alpeiner Bach gab's noch eine Erfrischung im Gasthaus Touristenrast bevor wir uns mit vielen neuen Eindrücken auf den Heimweg machten.
Hubert Weber