Auf dem Sentiero Bregaglia | © DAV-Wangen/Teilnehmer

Im Angesicht der Bergeller Granitriesen

04.09.2026

Der Sentiero Alpino Bregaglia gilt als einer der schönsten, aber auch anspruchsvollsten Hüttentrekkingtouren der Schweiz. 

Seit dem Monster-Bergsturz am Piz Cengalo am 23. August 2017 war eine durchgehende Begehung dieses eindrucksvollen Bergwanderweges über die vier Bergeller SAC-Hütten Forno-, Albignia-, Sciora- und Sass Furähütte nicht mehr möglich. Ein Jahr zuvor, am 8. August 20216 hatte ich noch mit meiner Tochter  im Bondascatal beim Parkplatz in Laret unser Biwakzelt aufgeschlagen um von dort zum Kletter-Highlight Badile Nordkante zu starten. 

Ein gutes Jahr später passierte es: Ungefähr 3 Millionen Kubikmeter Granitfelsen donnerten bei dem Bergsturz zu Tal und zerstörten sogar noch Teile des 4 km entfernten Bergdorfes Bondo am Ausgang des Bondascatales. Was hatten wir also für ein Glück – und mächtige Schutzengel – wir hätten an unserem Biwakplatz keine Chance gehabt, dem Inferno zu entrinnen!

Wer sich auf diese eindrucksvolle Bergwanderung begibt, sollte über ein paar Eigenschaften verfügen, die unabdingbar sind: absolute Trittsicherheit und Erfahrung im Begehen von weglosem Gelände – einige Wegabschnitte gehen durch Schuttfelder und grobblockiges Gelände, wo man von einem zum nächsten Stein balancieren muss- und nicht zu vergessen: Schwindelfreiheit für einige Teilabschnitte! Immerhin wird die Schwierigkeit nach Schweizer Wanderskala mit T 5 bewertet. Und vermutlich wird jeder begeisterte Berggänger noch etwas spüren, das in seinem Inneren schon angelegt ist: Die Fähigkeit zu Staunen! Denn jeden Tag wird er aufs Neue spüren, dass er in einer der wildesten Gegenden der Alpen mit spektakulären Aussichten auf die bizarren Felsnadeln und gigantischen Granitwände unterwegs ist.

Der erste Tag führt uns vom Malojapass ins Val Forno, zunächst gemütlich leicht ansteigend bis zum malerischen Cavloc-See, wo einige von uns ein erfrischendes Bad nehmen. Bei der Abzweigung Plan Canin steigen wir durchs Val Muretto bis ca. 2300m Höhe auf, wo der Panoramaweg zur Fornohütte rechts abzweigt. Wenig später kommen wir am Laghetto dei Rossi vorbei, ein kleiner See, der abermals zu einem kleinen Bad einlädt. Der Weg wird nun etwas steiler und unter den Westabstürzen der Pizzi dei Rossi auch etwas abschüssiger und steinschlaggefährdet. Nach einer weiteren Stunde erreichen wir den höchsten Punkt des Anstieges mit 2751 m mit Blick zum Monte del Forno, dem Hausberg der Fornohütte. Über zum Teil schöne Granitplatten geht es dann hinunter zur Hütte, auf deren gemütlichen Steinterrasse sich die Übernachtungsgäste in der warmen Abendsonne bei einem Bier oder Aperol-Spritz genüsslich unterhalten.

Der zweite Tag beginnt zunächst mit einem Abstieg ins Fornotal, um an geeigneter Stelle das Schmelzwasser des Fornogletschers mittels einer Holzbrücke zu überqueren. Während des Abstiegs schweifen unsere Blicke immer wieder hinüber auf die andere Talseite, wo der Aufstieg durch die steile Ostflanke des Piz Casnil verläuft und wir fragen uns: wo soll da ein gangbarer Weg zu finden sein?

Beim Näherkommen entdecken wir die blau-weißen Wegmarkierungen, die uns über das Geröll der Gletschermoräne an die glattgeschliffenen Granitwände führen. Der Steig wird steiler und erfordert alsbald unsere ganze Aufmerksamkeit und Konzentration.  An exponierten Abschnitten sind dankenswerterweise Sicherungsketten angebracht, an denen wir uns gerne festhalten. Nach gut 3 Stunden mühsamen Aufstiegs erreichen wir endlich den Pass Casnil Sud mit 2941 m. Die Aussicht ist überwältigend und abschreckend zugleich, wenn ich auf die düstere Nordwand des Cima del Cantun mit seinem noch verbliebenen Gletscher blicke.

Der Abstieg führt zunächst über grobes Blockwerk und erfordert Trittsicherheit, auch wenn die Beine schon müde sind. Bald können wir unser Tagesziel, die Albignahütte, von weit oben entdecken. Eine gute halbe Stunde vor Erreichen der Hütte laden uns zwei kleine Seen zu einem erfrischenden Bad ein. Das lassen wir uns nicht entgehen und danach hatte ich das Gefühl, die Anstrengungen des Tages seien fast verflogen.

Auffällig war, dass die Hüttenatmosphäre der Albignahütte sich deutlich von der der Fornohütte unterscheidet. Das liegt daran, dass in Hüttennähe ein Klettereldorado zu finden ist, das zudem durch die Seilbahn zum Albigna-Stausee noch befeuert wird, denn damit ersparen sich die Kletterer einen mühsamen fast 3-stündigen Aufstieg. 

Tag drei begann wiederum zuerst mit einem Abstieg zum Stausee, diesmal jedoch deutlich kürzer. Nach Querung der Staumauer weist uns ein Schild den Weg zum heutigen Höhepunkt, den Pass Cacciabello Sud. Die Gehzeit wird mit 2,5 Std. angegeben. Nach einer halben Stunde queren wir die tief eingeschnittene Schlucht des Al Gal, deren Begehung wiederum mit Sicherungs-ketten versehen ist und damit deutlich erleichtert wird. Nach einer weiteren Stunde Anstieg gönnen wir uns eine Pause, bevor es wieder über Blockfelder dem Pass zugeht. Bei einem Felsausläufer stoßen wir auf eine Wandergruppe mit ihrem Bergführer, die ebenfalls zur Sciorahütte unterwegs sind. Sie hatten hier Pause gemacht und sind im Begriff weiter zu gehen. Ich lasse ihnen den Vortritt, denn der letzte Wegabschnitt zum Pass Cacciabella Sud führt durch ein steiles Couloir, das steinschlaggefährdet ist. Erst als die Gruppe auf der anderen Seite des Passes verschwunden ist, wagen wir den Aufstieg. 

Die ganze Zeit schon war ich gespannt, wie es auf der Westseite des Passes aussehen würde. Was wird uns dort erwarten? Wie wird der Abstieg sein?

Kaum bin ich oben, geht der Blick jäh in die Tiefe. Und sofort wird mir klar: hier heißt es, nochmals richtig aufpassen! Keinen Fehler machen! Gott sei Dank hatte ich im Vorfeld meinen Teilnehmern empfohlen, ein Sicherungsset mitzunehmen. Das gibt ein gutes Gefühl und damit letztlich Sicherheit. Mit meinem Fernglas taste ich die steilen Felswände ab, suche die Sicherungsketten, die den Abstieg markieren. 

Dank des guten Wetters können wir uns Zeit lassen. Wir warten auf der Scharte, bis die Gruppe vor uns genügend Abstand hat, damit wir sie nicht mit von uns ausgelöstem Steinschlag bedrohen. Gut 200 Höhenmeter geht es an neu installierten Ketten gesichert in die Tiefe. Am Wandfuß angekommen geht es zunächst noch über riesige Felsblöcke weiter bergab – nicht Wandern ist angesagt, sondern Balancieren! 

Der Blick zu den Granitriesen des Bondascatales, Piz Badile, Piz Cengalo und Piz Gemelli lässt einem fast den Atem stocken. Ich bin sprachlos im Angesicht dieser Bergkulisse und ich versuche mir vorzustellen, welches Inferno sich hier abgespielt hat, als die Gesteinsmassen aus der Nordflanke des Piz Cengalo in die Tiefe gedonnert sind. 

In sicherem Gelände machen wir nochmals Pause, bevor wir weit unter uns die Sciorahütte entdecken. Irgendwann lassen wir die Steinwüste hinter uns und betreten wieder einen Weg, der von grünen Moosen und Matten gesäumt ist – welch eine Wohltat! Nach 8 Stunden seit Aufbruch von der Albignahütte erreichen wir alle wohlbehalten die gemütliche Sciorahütte. Dankbar und entspannt genießen wir die verbleibende Zeit bis zum Abendessen auf der Sonnenterrasse. 

Nach gutem Frühstück begeben wir uns am letzten Tag entspannt auf den Abstieg nach Bondo, denn es sind keine alpintechnischen Schwierigkeiten mehr zu meistern. Dafür aber überrascht der Abstieg mit einem besonderen Highlight: Es sind gleich vier neu installierte Hängebrücken zu überqueren, die den durch den Bergsturz verschütteten Hüttenzustieg seit 2025 wieder ermöglichen. Die Ausblicke von diesen Brücken auf die in den Himmel schießenden Granitwände von Piz Badile und Piz Cengalo ist spektakulär und hinterlässt mit Sicherheit einen tiefen Eindruck eines jeden Wanderers. 

In Bondo angekommen lassen wir bei einer Einkehr die vier Tage noch einmal Revue passieren,  sind ein wenig stolz, diesen Weg gemeistert zu haben und auch dankbar für die vielen Erlebnisse und Eindrücke, die unser Leben bereichern.

Hubert Weber