Alta via dell Adamello | © Hubert Weber

Alta via dell Adamello

– welch eine wohlklingende Namensgebung für einen Wanderweg

12.07.2026

Es ist einige Jahre her, als ich im Winter auf einer grandiosen Skitour in den Adamello-Nationalpark eingetaucht war. 

Der Gipfel des Monte Adamello, des Corno Bianco und die Lage der Lobbia-Hütte blieben damals abseits der Route, aber das Verlangen, diese Gipfel und diese Hütte doch noch einmal zu besuchen blieb in meiner Wunschliste stets präsent. Und damit dies nicht nur beim Wunsch bleibt, habe ich eine Rundtour ausgetüftelt, die ich dann kurzerhand in unser DAV-Programm 2026 aufgenommen hatte.

In der Tourenbesprechung war klar geworden, dass es kein Spaziergang werden würde. Dafür waren die Tagesetappen mit ihren spezifischen Anforderungen und die jeweils zu bewältigenden Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu anspruchsvoll. Dazu kommt das Gewicht des Rucksacks mit Seil, Pickel, Steigeisen, Hüftgurt usw. , der das Wandervergnügen schnell auf ein Minimalmaß reduziert. Dennoch: die Vorfreude und die Erwartungen waren riesengroß, zumal die Wettervorhersage sonniges Bergwetter  mit nachmittäglicher Gewitterneigung prognostizierte.

Der Start vom Tonalepass zum Passo Presena auf 3000 m legten wir kräfteschonend mittels der Seilbahn zurück. Ein Abstecher auf die Cima Presena mit 3069 m über Blockwerk und im Gipfelbereich leichte Kletterei bescherte uns schon einen hervorragenden Ausblick über unsere morgige Etappe  und auch auf den Anstieg zur Cima Presanella, mit 3556 m höchster Gipfel der Adamello-Presanella-Gruppe. Der Abstieg zu unserem Tagesziel, der Mandronehütte, war kurzweilig und der stete Ausblick auf den Mandronegletscher mit dem gewaltigen Schmelzwasservolumen war sehr beeindruckend.

Tag zwei begann um 5.30 Uhr mit dem Frühstück auf der Terrasse, da um diese Zeit die Gaststube noch geschlossen war und wir Kaffee und Tee in bereitgestellten Thermoskannen zur Verfügung hatten, allerdings nur noch lauwarm. Ein paar Scheiben Weißbrot, Zwieback und Marmelade mögen gut und recht sein, sind aber nicht das, was ein Ausdauersportler braucht. 

Der Weg Richtung Mandronegletscher führte anfangs gut markiert an malerischen kleinen Seen vorbei, der Weiterweg Richtung Passo della Valetta über Schutt und große Felsblöcke entpuppte sich als sehr anstrengend und mangels gut sichtbarer Markierungen war ein hohes Maß an Orientierungsvermögen und Spürsinn gefragt. Keiner wagte es auszusprechen, erst später , als wir wohlbehalten auf der Garibaldihütte angekommen waren, 

bekannten wir uns im Rückblick zu unseren Gedanken: „Warum tun wir uns das an?“

Zunächst aber machten wir auf dem Passo della Valetta eine wohlverdiente Pause. Der  Weiterweg zum Passo Venerocolo über Gletscher mit Schneeauflage und auch Blankeis erforderte das Anlegen der Steigeisen und Seilgebrauch. Vom Pass aus konnten wir das Tagesziel – die Garibaldihütte -  bereits sehen. Nach kritischem Blick zu den Wolken entschlossen wir uns noch zur Besteigung der Punta dell Venerocolo mit 3323 m Höhe. Hier oben konnten wir zum ersten Mal die Überreste von Baracken und Schutzmauern aus dem ersten Weltkrieg sehen. Welch ein Wahnsinn!

Der Abstieg zur Garibaldihütte gestaltete sich zunächst wieder sehr anspruchsvoll über Blockwerk, erst im unteren Teil war der Weg wieder normal gangbar und angenehmer. Mit Radler und Kuchen konnten wir uns dann auf der Hüttenterrasse entspannen.

Tag drei von der Garibaldi- zur Gnuttihütte war laut Planung mit 6.30 h angegeben – reine Gehzeit. Da für Nachmittags Gewitter angekündigt waren, entschlossen wir uns, wieder früh loszugehen. Der erste Abschnitt führte zunächst über die Staumauer des Lago Venerocolo hinauf zum Passo del Lunedi auf 2650 m. Jenseits ging es wieder steil hinab bis zum Stausee Lago del Pantano. Dann erfolgte ein steiler Aufstieg, im oberen Teil mit Ketten gesichert, zum Passo Premassone, 2850 m, um wiederum steil über Blockwerk abzusteigen zum Lago Premassone und weiter hinunter bis zur herrlich gelegenen Tonolinihütte, wo wir uns im gemütlichen Gastraum mit einer Gemüsesuppe stärkten. Eine Gewitterneigung konnten wir (noch) nicht feststellen und so war klar, dass wir den Weiterweg über die Baitonehütte und den Passo del Gat zur Gnuttihütte wagen können.  Um 14.30 Uhr sind wir dort angekommen und einem gemütlichen Nachmittag mit Kuchen und Getränken vor der idyllisch gelegenen Hütte am Lago Miller stand nichts mehr im Wege. Als dann beim Abendessen plötzlich das Licht ausging – ein Blitzschlag hatte die Hüttenelektrik lahmgelegt – waren die drei jungen Hüttenmädels Alisa, Anna und Sabrina etwas hektisch beschäftigt, die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen. Mit telefonischer Beratung und entschlossenem Handeln schafften sie es – ein Lob an die drei, die den Hüttenbetrieb dort schmeißen in Abwesenheit ihres Hüttenchefs.

Vierter Tag: ein langer Aufstieg und ein endlos langer Gletscherhatsch zur Lobbiahütte steht vor uns. Also: früh aufstehen! Um 4.30 Uhr marschieren wir los, durchs Val Miller dem Einstieg zum Klettersteig Terzulli am Adamello entgegen. Bis hierher ist es gut gelaufen, wir sind in der Zeit. Aber plötzlich fängt es an zu regnen. So was. Das war nicht geplant. Wir ziehen unsere Regenüberhänge an und warten ab. Kurze Zeit später hört es auf. Wir steigen in den Klettersteig ein, sichern uns mit einer Bandschlinge an der neu installierten Kette. Wir sind kaum 15 Minuten im Steig, da knattert ein Heli heran und setzt beim Einstieg im Schwebeflug 4 Bergwachtmänner ab, samt Material und einer Blechtafel. Sie holen uns schnell ein und meinen, der KS sei noch nicht freigegeben. Dann deponieren sie ihr Material am Steig – ich denke, es sollten noch Stahlseile angebracht werden, denn die Verankerungen, an denen die Ketten befestigt sind, habe alle noch eine Lasche, durch die ein Seil gezogen und befestigt werden kann.  Weiter oben, am Passo Adamello angekommen, befestigen sie die Tafel am Fels , sprühen neue Markierungen auf und verabschieden sich dann wieder.

Wir legen unsere Gletscherausrüstung an, steigen über den Gletscher auf zum Einstieg des Monte Adamello, deponieren unsere Rucksäcke und klettern über den Grat zum Gipfel auf 3539 m , wo wir um 10.45 Uhr ankommen. Wir freuen uns über die grandiose Ausssicht und dass wir es geschafft haben. Nach kurzer Pause steigen wir ab, seilen uns wieder an und beginnen mit dem langen Abstieg über den Mandronegletscher. Nach zwei Stunden Hatscherei sehen wir die Lobbiahütte am Berghang des Lobbia Alta kleben. Nach der Karte müsste es einen Weg vom Gletscher über einen Geröllhang geben, aber wir sehen nichts und finden auch keine Markierungen bzw. Steinmänner. Weiter unten sehen wir zwei Bergsteiger, die durch Geröll und Steine zur Hütte aufsteigen. Wir steigen also weiter über den Gletscher ab, um ihnen zu folgen. Das hat uns leider Zeit gekostet und einsetzender Regen und Hagel zwingt uns, unter einem großen Stein zum Unterschlupf. Wenig später lässt der Regen etwas nach und wir beschließen den weiteren Aufstieg – es sind noch gute 20 Minuten bis zur Hütte. Es donnert und es regnet jetzt in Strömen. Wir kämpfen uns zur Schutz bietenden Hütte, kommen völlig durchnässt an, aber Gott sei Dank wohlbehalten. Am warmen Ofen können wir unsere Sachen trocknen und freuen uns auf das Abendessen.

Letzter Tag: Wir beschließen, nach dem Frühstück noch zum Cima Croce aufzusteigen. In 1,5 h schaffen wir den Anstieg, der über einen kurzen Klettersteig zum Gratrücken führt und über diesen zum Gipfel, wo ein mächtiges steinernes Kreuz steht in Erinnerung an Papst Paul II. Von hier aus übersehen wir noch einmal unseren mühevollen Anstieg vom zweiten Tag und den langen Gletscherweg vom Monte Adamello zur Lobbiahütte – und auch den noch vor uns liegenden Rückweg über den Mandronegletscher zur Mandronehütte und hinauf zum Passo Presena, wo wir wieder mit der Seilbahn hinunter zum Passo Tonale fahren werden. Das wäre beinahe schief gegangen, denn der Abstieg zur Mandronehütte hatte uns mehr Zeit gekostet als geplant und so mussten wir uns sehr beeilen, die letzte Bahn um 16.15 Uhr noch zu erreichen. Aber wir haben’s geschafft.

In Tirano suchten wir auf der Heimfahrt dann noch eine Pizzeria auf um uns zu stärken und die erlebnisreichen fünf Tage noch einmal in Erinnerung zu rufen, Momente der Anspannung und der Freude gegenseitig mitzuteilen und auch ein wenig stolz zu sein, dass wir das alles so gut geschafft haben.

 

Bericht v. Hubert Weber