Sentiero Roma

„Ein landschaftliches Erlebnis von seltener Schönheit – und von erlesener Schwierigkeit“ – so steht es im SAC- Führer über den Sentiero Roma. Und fürwahr: Was wir in vier Tagen auf diesem anspruchsvollen Wanderweg erleben durften, ist schwerlich in Worte zu fassen.

Schon der Aufstieg von Bagni del Masino zur 2534 m hoch gelegenen Gianettihütte durchs Valle Porcellizzo war ein Augenschmaus. Der freundliche Hüttenwirt und das gute Essen waren für uns eine gute Einstimmung auf das, was uns am folgenden Tag erwarten sollte.

Und ich erinnerte mich, dass ich vor 40 Jahren schon einmal auf dieser Hütte Gast gewesen war – als junger Kletterer von der Nordkante des Piz Badile kommend.  In der Beschreibung im Führer lese ich: „Was den Kletterern die Nordostwand des Pizzo Badile, ist den Wanderern der Sentiero Roma – die berühmteste und beliebteste Herausforderung in der langen Grenzkette zwischen Bergell und Valmasino.“

Die erste Kernetappe liegt jetzt also vor uns: von der Gianettihütte zur Allieviehütte. Zuerst über Weiden und Geröllfelder in leichtem Auf und Ab durch den weiten Kessel des Valle Porcellizzo dem Passo Camerozzo entgegen. Vor dem Pass heißt es zupacken: Ein Felsaufschwung  gilt es zu überwinden, doch er ist mit Ketten und sogar einigen Haltebügeln entschärft. Nun erwartet uns die Schlüsselstelle: der Abstieg vom Pass durch eine 200 m steil abfallende Felsflanke. Dies erfordert absolute Trittsicherheit, Konzentration und auch etwas Klettererfahrung ist von Vorteil, wenngleich überall dort, wo es sehr ausgesetzt ist, Ketten oder Seile angebracht sind.

Weiter geht es über das einsame Hochtal des Valle del Ferro, vorbei am Bivacco Molteni zum Passo Qualido. Auch hier führt der Abstieg wieder über eine exponierte Felsflanke hinein ins Valle Qualido, dieses querend zum nächsten Pass: den Passo Averta, der letzte vor unserem Tagesziel, das wir von der scharfen Scharte des Passes nun sehen können. Über die Blockfelder des Valle di Zocca führt der Weg um die Ausläufer des Pizzo di Zocca-Südgrates herum und steigt schließlich in einem letzten Anstieg zur neu ausgebauten Rifugio Allievi-Bonacossa 2387 m auf. Nach 7 Stunden Gehzeit freuen wir uns auf einen Kaffee und ein Bier auf der sonnigen Terrasse der Hütte.

Die zweite Kernetappe von der Allievi – zur Pontihütte führt zunächst über Geröll- und Felsplatten durchs obere Val die Zocca hinüber zum Passo Val Torrone. Wir genießen eine fantastische Aussicht hinunter ins Val die Mello und hinauf zu den Granitwänden der Torronegruppe. Ein steiler Abstieg hinunter ins Val Torrone, dann ein langer Aufstieg, vorbei am Bivacco Manzi über ein steiles Firnfeld hinauf zum 2950 m hohen Passo Cameraccia – kein leichter Aufstieg, da die Steine auf dem Gletscher aufliegen und leicht wegrutschen. Ein Stück der Versicherung ist ausgebrochen und mit größter Vorsicht überwinden wir dieses Wegstück. Ansonsten aber sind die Versicherungen mit z.T. neuen  Ketten wirklich hervorragend.

Leider ist die Sicht auf die umliegenden Gipfel wie Monte Sissone, Monte Pioda und Monte Disgrazia durch Wolken verdeckt. Über Schneefelder fahren wir ab bis auf ca. 2700 m Höhe und queren dann den weiten Kessel im hintersten Valle di Mello hinüber zum Bivacco Kima, einem hervorragend gut eingerichteten Biwakhäuschen mit deponierter Verpflegung u. Gaskocher – ein Plätzchen zum Bleiben!

Wir schauen von hier aus noch einem Rudel Steinböcke zu, wie sie miteinander kämpfen und steigen dann nach kurzem Abstieg über Blockfelder hinauf Richtung Bocchetta die Roma, dem letzten Pass an diesem Tag. Der Aufstieg führt wieder zunächst über Schutt und Felsstufen hinauf zu einem steilen Schneefeld und anschließend über eine steile Felsstufe, die mit Ketten und Haltebügeln gesichert ist, zur Bocchetta di Roma, 2890 m. Auch hier lässt die tiefe Wolkendecke keine frei Sicht auf die umliegenden Berge und Hochtäler zu. Der Abstieg führt über Schuttfelder hinunter zur Pontihütte, 2559 m – ein langer und anstrengender Tag mit 8 Stunden Wanderzeit liegt hinter uns und wir sind glücklich, dass wir dieses großartige landschaftliche Erlebnis genießen konnten.

Sonnenschein begrüßt uns am nächsten Morgen, an dem der lange, 5-stündige Abstieg von der Pontihütte hinunter durchs Val di Sasso Bisolo nach Filorera ansteht. Nun ist der Blick frei zum Monte Disgrazia  und ich schmiede schon die nächsten Pläne, während wir wieder eintauchen in die, von Zirbenwäldern umgebenen, saftigen Weiden des Valle di Preda Rossa, ein zauberhafter Wanderweg in einer urtümlich gebliebenen Landschaft. Nun begegnen uns viele Italiener – es ist ja jetzt Wochenende – die ausströmen, um in dieser herrlichen Landschaft aufzutanken und die Bergwelt zu genießen.

Wir aber marschieren talwärts, erfüllt mit großer innerer Freude, dass wir diese großartige Szenerie durchwandern und erleben durften. Was uns nun bleibt ist die Erinnerung an vier wunderschöne, erlebnisreiche Tage, die uns viel abverlangt, aber auch unendlich viel gegeben haben.

Sentiero Roma – allein wie melodisch der Name schon klingt!