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Carpe diem“ auf der Jenatschütte

Sonntag, 12. März

Ich sitze bei frühlingshaften Temperaturen auf der Terrasse und lese eine Gedichtinterpretation meiner Tochter. Dabei begegnet mir ein zentrales Motiv des Barock: „Carpe diem!“ – „Nütze den Tag! Nütze die Zeit, die dir bleibt für dein Vergnügen und denke nicht an die Ewigkeit!“ Noch ahne ich nicht, wie oft mir dieser Leitspruch in den nächsten fünf Tagen in den Sinn kommen wird.

Montag, 13. März

Sieben gut gelaunte Skitourengänger steigen am Julierpass aus dem DAV-Bus. Eine letzte Stärkung mit Birgits Nussecken – hmmhh – und schon tauchen wir ein in eine phantastische, winterliche Bergwelt. Unsere Aufstiegsspur zieht uns Richtung Fuorcla d’Agnel, doch die 800 hm wollen erst einmal bewältigt sein. „Wozu habe ich lange Skiunterwäsche an? Hätt‘ ich vielleicht doch noch etwas zuhause lassen sollen, dann wär‘ mein Rucksack nicht so schwer?“ Solche Gedanken beschäftigen mich, während ich bei gefühlten 30 Grad den Berg hoch schnaufe. Die Ankunft auf dem Pass (2960 hm) entschädigt jedoch sogleich für den mühsamen Aufstieg. Unsere Blicke schweifen in eine weiße Zauberwelt, in der sich ein mächtiger Gipfel an den nächsten reiht, und in der mächtige Gletscher deutliche Spuren hinterlassen haben. Und dazwischen thront die Chamanna Jenatsch auf einem Hügel, als wenn sie sagen wollte: „Hier oben ist mein Platz!“ Ein wild flatterndes Schweizer Fähneli und die freundlichen Hüttenwarte Fridli und Claudia heißen uns nach Abfahrt und Anstieg zur Hütte willkommen.

Dienstag, 14. März

Ich öffne die Augen von meinem Lagerschlafplatz und ein sonnenbeschienener Gipfel schickt mir ein „Carpe diem“ zu dem kleinen Fensterchen herein. Ja, so einen Tag können wir nützen: „Piz Traunter Ovas, wir kommen und umrunden dich!“ Auch abgeblasene Aufstiegshänge, die Harscheisen benötigen, und zunehmender Wind halten uns nicht davon ab.  Wir blicken auf das Gletschertor des Vadret d’Agnel, das wie  das Maul eines Walfisches aussieht, das aus dem Gletscher auftaucht, um nach Luft zu schnappen. Auf dem Kamm unterhalb des Piz Surgonda fliegen uns beim Abfellen die Felle um die Ohren und wir sind um jeden Höhenmeter Abfahrt froh, bis wir am Fuorcla Traunter Ovas eine kurze Rast einlegen. Hätten wir gewusst, welch traumhafte Hänge und welch weicher Schnee uns erwartet, hätten wir auf den Müsliriegel verzichtet und uns voller Euphorie abwärts gestürzt. Angekommen am Bachbett des Ova d’Err grinsen wir wie Honigkuchenpferde und keiner will den Gedanken zulassen, dass unsere Traumabfahrt zu Ende sein soll. Muss sie auch nicht, denn wozu haben wir Klaus – unseren Guide –  der für jede Situation eine Lösung hat. Ein Blick nach links oben und vor unserem inneren Auge schlängeln sich sieben imaginäre Abfahrtsspuren in den unverspurten Hang. (Die realen Spuren sind auf Klaus Kamera festgehalten). Danach heißt es noch 300 hm Aufstieg zur Jenatschhütte, denn ein Thron will ja bestiegen werden.

Mittwoch, 15. März

Ein lustiger Hüttenabend mit bester Verköstigung liegt hinter uns und die Sonne begrüßt uns morgens erneut. Womit haben wir nur dieses Traumwetter verdient? Man könnte meinen, wir wären Engelein?! (Ha-ha)! Doch Engelein müssten fliegen, wir dagegen ziehen mit unseren Skiern durch ein windverblasenes Tal und knacken auf dem Gletscher Calderas die 3000er Marke. Eine lange Querpassage, die wir in Entlastungsabständen gehen, lässt uns sehr ruhig und konzentriert werden. Mein Blick fällt in die rund geformten kleinen Schneehöhlen, in die der Wind kleinste Steinchen gespült hat: dunkle, helle, braune Kügelchen liegen wie zermahlene Pfefferkörner im Suppenteller. Am Pass angekommen sichern wir unsere Skier, bevor wir zu Fuß den Tschima da Flix (3316 m) erklimmen. Wir werden belohnt mit einem Panorama, das uns schwindlig macht: Bernina, Piz Palü, Flims-Laax, Verwall … . Der Biancograt ist gestochen scharf und wir meinen, Ortler und Duforspitze zu erkennen. Wir könnten uns noch zehn Mal um die eigene Achse drehen und hätten erst einen Bruchteil dieser Faszination gesehen. Berge sind so individuell, jeder hat seine Form, seine Eigenheit, seine Anziehungskraft, und doch bilden sie zusammen eine Einheit. Wir dürfen ihr Haupt ersteigen und ihre Gäste sein, wir dürfen etwas von ihrer Stärke und Erhabenheit mitnehmen. In diesem Moment sind wir vielleicht doch so etwas wie Engel – auf jeden Fall dem Himmel sehr nahe. Die Freude auf einen Cappuccino und frisch gebackenen Kuchen auf der Sonnenterrasse lässt uns wieder zu Menschen werden. Und mutig wie wir inzwischen sind, wählen wir anstatt der langweiligen Querpassage eine breite Rinne mit bestem Schnee für die Abfahrt. Erfüllt und zufrieden schieben wir die letzten Meter zur Jenatschhütte.

Donnerstag, 16. März

Es ist nicht zu glauben! Schon wieder Sonne! Klaus bespricht sich mit Fridli, dem Hüttenwart, und wir wagen die Tour zum Piz d’Err. Taleinwärts begrüßen uns Steinrädchen, die die Abhänge hinunterrollen und unsere Spur kreuzen. Hätten wir nicht beste Sicht, könnten wir annehmen, Bergtrolle hätten uns zur Zielscheibe auserkoren und spielen mit uns. Nach dem ersten Anstieg erblicken wir das erste Mal Blankeis, bevor wir kurze Zeit später vor der 200 Meter breiten Abrisskante des Valdret d’Err stehen. Jui – jui – jui!!! Dort sollen wir hinauf und dann auch wieder runter??? Spitzkehren in steilem Gelände, lange Blicke nach unten und die Herausforderung, die Ski abzuschnallen und mit ihnen geschultert nach oben zu kraxeln, lässt das Adrenalin in unsere Körper schießen. Doch wir sind ein Team und wir schaffen das! Erleichtert, die Schlüsselstelle gemeistert zu haben, ziehen wir weiter und merken erst, als wir zur Alpe Flix ins andere Tal schauen können, dass wir einen Abzweig verpasst haben. Nun stehen wir, den Piz Calderas zur linken und den Piz d’Err zur rechten Seite. Wir sind trotzdem zufrieden, genießen das Panorama und entscheiden uns abzufahren, obwohl wir unser eigentliches Ziel noch nicht erreicht haben.  Klaus gibt uns eine gute Spur unterhalb des Gletscherabrisses vor und einer nach dem anderen bewältigt in griffigem Schnee auch dieses Abenteuer. So gibt es auf der Hütte genügend Gesprächsstoff, das Erlebte nochmals Revue passieren zu lassen. Und sollte mal keiner mehr etwas zu schwätzen wissen: das Thema „Grüne Kappe“ ist immer für einen Lacher zu haben.

Freitag, 17. März

Es heißt Abschied nehmen:  von der Bergwelt, von unseren drei netten Schweizer Tischnachbarn und vom super gastfreundlichen Hüttenteam. Unser alltägliches Leben soll uns wieder bekommen. Doch zuvor wollen wir diesen Skitourentag – natürlich bei Sonne - gemäß unserem Leitspruch noch nützen.

Wir steigen ein letztes Mal Richtung Fuorcla d’Agnel auf und machen halt an dem Gletschertor. Nachdem kein Wasserlauf zu hören und zu sehen ist, wagen wir uns in sein Inneres. Fasziniert von Form und Farbe des Eises erleben wir mit all unseren Sinnen dieses Wunderwerk der Natur. Nach den letzten Höhenmetern Aufstieg lässt uns eine kleine Rast am Pass inne halten. Wir genießen den Augenblick, wir nützen die Schönheit, die uns geboten wird, wir sind im Jetzt und Hier. Dann wird es unumgänglich: wir fahren ab und kommen der Passstraße und dem DAV Bus immer näher. Doch einen unverspurten Hang nehmen wir noch mit, auch wenn wir deswegen nochmals auffellen müssen. Verfahrener und sulziger Schnee treibt uns zuletzt den Schweiß aus den Poren. Barfuß und nur im T-Shirt umarmen wir uns am Parkplatz mit Blick auf fünf geniale Tage. Wir wissen, wir werden dem Leitspruch „Carpe diem“ immer wieder folgen,  vielleicht auch mal wieder auf die Jenatschhütte.

 

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Dir, lieber Klaus, sei herzlich gedankt für die Vorbereitung und die super Organisation. Es macht Spaß, mit dir unterwegs zu sein. Du lässt uns an deinem großen Wissen über das Skitourengehen, der Lawinenkunde und der Sicherheit in den Bergen teilhaben.  Das  gibt ein sehr gutes Gefühl und ist mehr, als wir von einem guten Guide erwarten können. Wir hoffen, dass du uns immer mal wieder mitnimmst.

Herzlich: Almut, Anette, Birgit, Marita, Martin und Christine