39. Bergwoche der Sektion Wangen des DAV
Zillertal in Tirol vom 1.8. bis 8.8.2010
Wie
außerordentlich begehrt die Teilnahme an der legendären „Bergwoche“
ist, erfährt man als Neuling spätestens dadurch, dass schon bald nach
Bekanntgabe des nächsten Bergwochen-Ziels im Oktober nur noch Plätze auf
der Warteliste zu erhalten sind. Dann wird es spannend bis kurz vor
Abfahrt: Sind alle guten Freunde wieder dabei? Welche Touren sind
vorgesehen?
Insider
dagegen sind ganz entspannt, wissen sie doch, dass Mario
Sohler sie fahren wird, was absolute Sicherheit, gute Laune und beste
Versorgung während der ganzen Woche gewährleisten wird; und dass sich
als Tourenführer wieder der Gesamtorganisator Hubert
Weber, Vorstand der Sektion Wangen des DAV, Wolfgang Backfisch und Beate Weber und als „Neuer“ Helmut
Keller zur Verfügung gestellt haben: Garantie für wohlüberlegte
Tourenvorschläge, die den Wünschen und dem Können der verschiedenen
Teilnehmerinnen und Teilnehmer entsprechen sollen und – wie sich zeigen
sollte – die Einschränkungen durch Regen und Schnee berücksichtigen.
Und: Garantie für Kompetenz und langjährige Erfahrung als Führer von
Hochgebirgstouren, Gletscherwanderungen und in Klettersteigen.
Aber
alles der Reihe nach:
Bei
Sonntagsausflug-Wetter kamen
wir ohne Stau bis ins Zillertal, wo wir nach Überquerung des
Gerlos-Passes den Nachmittag im nordwestlichsten Zipfel des Nationalparks
Hohe Tauern im Gebiet der berühmten Krimmler
Wasserfälle verbrachten. Ein hervorragender Einstieg für alle, denn
der halbschattige Waldweg entlang der Wasserfälle war zwar zeitweise
steil, aber immer abwechslungsreich durch die prächtige Aussicht und die
vielen fremdsprachigen, z.T. auch auffallend gekleideten Touristen (u.a.
auf engstem Raum sich begegnende orthodox-jüdische und viele
orthodox-muslimische Familien), was zu durchaus spannenden Gesprächen führte.
Wer wollte, hatte genügend Zeit, einzukehren oder bis zur Holzlahneralm
zu wandern und die stille, breite Hochebene beidseits der Krimmler Ache im
Gegenlicht zu genießen.
Im
Traditions-Hotel „Bräu“ mitten in Zell am Ziller waren wir trotz der
fehlenden Balkone, die manche bemängelten, gut untergebracht, das Essen
war immer vielseitig und bestens zubereitet, das Frühstücks-Buffet überreich
und leicht zugehbar. Es gab freundliche und aufmerksame Bedienungen,
obwohl wir den Speiseraum meist nicht bis 21 Uhr geräumt hatten, denn die
Verkündung der Tourenvorschläge für den nächsten Tag verzögerte sich
meist wegen längerer Beratungen angesichts der unsicheren Wetterlage…
Im
Folgenden soll von den insgesamt 24 durchgeführten Touren für jeden Tag
nur jeweils eine Wanderung ausführlicher beschrieben werden, anhand
eigenen Erlebens oder nach Befragung und Schilderung der jeweiligen
Teilnehmer.
Montag,
2.8.: mit Helmut über den Isskogel zum Kreuzjoch
Von
Gerlos-Innertal aus mit der Isskogel-Bahn zur Isskogel-Bergstation. Bei
warmem und sonnigem Wetter startete die Gruppe bei der Latschenalm zum
immer sichtbaren Isskogel (2264m). Den leichten Aufstieg nutzte Helmut zu
Beobachtungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um später willkommene
Ratschläge zum sinnvollen Gebrauch (bzw. Nicht-Gebrauch) der von den
meisten eingesetzten Stöcke zu geben und immer wieder an die kleinen
Schritte zu erinnern (Hinauf-Schaukeln). Irgendwo zwischen Isskogel und
Kreuzjoch (2558m) begegneten wir Beate´s
Gruppe, die dieselbe Tour in West-Ost-Richtung von der Rosenalmbahn aus
gestartet war. Gegenseitig wurde nicht nur Tröstendes, sondern haarsträubend
Gefährliches über den weiteren Weg verkündet! Der letzte Aufstieg zum
Kreuzjoch verging wie im Flug, belohnt von einer kurzen Aussicht ringsum,
von aufziehenden dunklen Wolken zum Weitergehen animiert. Ohne größere
Schwierigkeiten ging es über Geröll, gewundene Wege, an Kreuzjochhütte
und Gründalm vorbei zur Rosenalm-bahn – hinab nach Zell und zur Einkehr
ins „Stüberl“, wo bei strömendem Regen eine glückliche und
begeisterte Gruppe mit Helmut seinen Einstand feierte, begleitet von
vielen Anekdoten aus früheren Bergwochen.
Im
Hotel berichtete die Klettersteig-Gruppe (mit Wolfgang)
über 2 Std. großartiges Klettern und Hubert´s
Gruppe begeistert von ihrer Tour auf die
Gerlossteinwand (2166m).
Dienstag,
3.8.: mit Hubert und Wolfgang zum Pfitscher-Joch-Haus
Trotz
angekündigtem Regen verlief die Wanderung erfreulich „trocken“, nur
ab und zu Schirm auf, Schirm zu, Anorak an, Anorak aus, später Mütze und
Handschuhe an und wieder aus. Vom Schlegeisspeicher-Zamsgatterl (1800m)
aus verläuft der Tiroler Höhenweg/Geraer Hüttenweg bis zur Lavitzalm
entlang dem Zamserbach durch den berühmten Zamser Grund gemächlich
ansteigend in südöstlicher Richtung bis zum Pfitscher Joch (2248m), der
heutigen Staatsgrenze zu Italien.
Beglückt,
endlich wieder in Südtirol zu sein, feierte Wolfgang den kurzen Aufstieg
zum Pfitcher-Joch-Haus (2275m) wie eine Heimkehr (beinahe musste er
festgehalten werden, dass er nicht einen kurzen Abstecher nach Sterzing
versuchte!). Nach der gemeinsamen Rast (u.a. mit bestem Südtiroler
Rotwein) trennte man sich:
Hubert
führte seine Gruppe über den Wipptaler Höhenweg unter dem Kastenschneid
über den Ameiskopf (2553m) entlang des Unterschrammach-Bachs steil abwärts
in etwas beschleunigtem Tempo zurück zum Ausgangspunkt.
Mit
Wolfgang nahm sich die Gruppe auf demselben Weg zurück Zeit für das
Steinlabyrinth am Pfitscher Joch, einen wunderbaren Abstecher zwischen den
vielen mäandernden Armen des Zamser Bachs mit den gelben Blumenkissen,
eine genauere Inspektion des braunen eisenhaltigen Wasserfalls (von der
„großen Gnade“ am Osthang herab) und schließlich für eine Mutprobe:
barfuß im eiskalten Bach.
Helmut
war mit seiner Gruppe ziemlich stramm und ohne lange Pausen, aber mit mehr
Regen, fast 6 Stunden vom Breitlahner (1248m) den Adlerweg über
Klausenalm, Grawandhütte und Gletscherweg zur geschichtsträchtigen
imposanten Berliner Hütte
(2042m) und zurück gewandert: alle ziemlich k.o. aber begeistert!
Beate
erstieg
mit ihrer Gruppe von der Sommerbergalm aus (1986m) über das Weitental das
Tuxer Joch (2388m) mit Abstieg nach Hintertux auf dem Wasserfallweg
(1493m).
Auch
hier: alle zufrieden!
Mittwoch,
4.8.: mit Helmut vom Tuxer-Ferner-Haus zur
Friesenbergscharte
und zum Friesenberghaus
Nach
gemeinsamer Busfahrt bis Hintertux und Gletscherbahn bis zum
Tuxer-Ferner-Haus (2660m) trennte sich die Hubert-Gruppe
(zur „leichten“ jedoch anstrengenden Gletschertour bei unangenehm
Wetter auf den Hohen
Riffler (3231m)).
Unser
anfangs kalte Aufstieg über Felsplatten und später steilere Felswege,
z.T. durch Schneefeldausläufer des Friesenbergkees, bot gute Gelegenheit
zum Üben des richtigen, vorausschauenden „Gehens“ für
Trittsicherheit; nach Überschreiten der engen Friesenbergscharte
(2912m) bei beißend kaltem Wind war Konzentration und Geduld für alle
gefragt, die nicht ganz schwindelfrei waren. Mit ruhigen Anweisungen
zeigte Helmut den jeweils sicheren Halt, den sicheren Tritt, die sichere
Haltung zum Hang, so daß niemand ängstlich oder zaghaft wurde! Als
Belohnung gab es ein kleines freches Murmeltier ganz aus der Nähe zu
beobachten. So konnten alle die Rast beim Friesenberghaus (2477m), dessen
bemerkenswerte Geschichte jeder Besucher kennen sollte, in der
windig-kalten Sonne stolz und von Herzen genießen. Der Abstieg zum
Parkplatz war zwar steiler und länger als gedacht, aber auch wunderschön!
Beate
war
mit einer kleineren Gruppe von der Ahornhütte (1955m) gestartet und über
die Edelhütte zur Ahornspitze (2973m)
aufgestiegen und auch weitgehend von längerem Regen verschont geblieben.
Wolfgang
hatte
sich mit seiner Gruppe den Roßkopf
(2576m) vorgenommen, ausgehend von Gmande (1700m), zur Rastkogelhütte,
über das Sidanjoch zum Gipfel und zurück. Die Aussicht hielt sich in
Grenzen, der Regen entgegen allen Vorhersagen auch.
Donnerstag,
5.8.: mit Kaffee und Kuchen und Gitarre
zur Isskogelbahn
Nach
langen Planungen für den Tag des Dauerregens haben alle vier Tourenführer
unerschrockene Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Ersatzrouten
gefunden: Beate um den Gerlosspeicher, Helmut zur Lackenalm im Schönachtal,
Hubert und Wolfgang zur Latschenalm.
Aber
die wahren Retterinnen von guter Laune und Froh-Sinn waren an diesem Tag: Böschele
Wetzel, Gitte Engler, Angela Steidle, Hilde Schnell, Jutta Kabalimu und
Margit Gruber, die schon – wieder eine tolle Tradition -
zuhause die feinsten Kuchen gebacken und mitgebracht hatten! Sophia Sohler, die erst 13-jährige „gute Bus-Fee“ mit großem
Bergsteiger-Talent, sorgte für Kaffee und Reinhardt
Steiner, der Gitarren-Träger, machte es möglich, daß Lisa Natterer, die Gitarristin,
die
gemeinsam gesungenen Lieder stimmungsvoll und gekonnt begleiten konnte.
Freitag,
6.8.: mit Beate von Tux zum Penkenjoch
Ausgangspunkt
der schönen und abwechslungsreichen Tour war Tux-Vorderlanersbach
(1257m). Über den Moorlehrpfad ging es in großen Kehren, anfangs durch
den Berger Wald, später durch steileres Felsgestein bis zur Wanglalm
(2528m), wo kurz Rast gemacht wurde, und weiter zur Penkenjoch-Bergstation (2095). Bei fast durchgehend regenverhangenem
Himmel gab es leider nur wenige Aussichts-Durchblicke.
Hubert
führte
seine Gruppe (von Fügen aus) vom Spieljoch (1920m) über Oxeljoch zum Kellerjoch
(2344m) und zur Kellerjochhütte zügig über z.T. ausgesetzte Stellen,
beeinträchtigt durch längere unangenehme Graupel- und Regenschauer. Eine
eindrucksvolle, durchaus „intensive“ Wanderung!
Wolfgang´s
Gruppe wanderte von der Rosenalm-Bergstation (1740m) über den
Schmankerlweg zur Kreuzwiesenhütte
(1884m) und bis zur Isskogelbahn.
Helmut
war
mit seiner Gruppe lange bergab unterwegs, dafür von Graupel und eisigem
Wind verschont: vom Penkenjoch
(2095m) ging es zum Gschößwandhaus, weiter über Astegg und
den Mariensteig bis Mayrhofen
(633m).
Samstag,
7.8.: mit Wolfgang zur Grüblspitze
In
zuversichtlicher Laune, zwar angesichts des grau verhangenen Himmels nicht
die berühmte Aussicht auf den Zillertaler Hauptkamm zu haben, aber
wenigstens keinen Regenschirm zu brauchen, marschierte die Gruppe ab
Bergstation Eggalm (1948m) der
Tux-Lanersbach-Bahn über den nördlichen Bergrücken zur Grüblspitze
(2395m). Es blieb unklar, ob man hier „grübeln“ soll oder sich in
einem „Grübchen“ befindet? Wir jedenfalls haben richtig gefeiert (und
nicht über den Abschied gegrübelt): Mario hatte uns in einem Sprint kurz
vor dem Gipfel eingeholt und packte dort Sekt und Saft und Käse für alle
aus! Eine Wonne! Als Gut-Menschen haben wir Hubert´s
Gruppe, die den Weg in umgekehrter Richtung ging, durch
Schnitzeljagd-Zettelchen das Versteck für den übriggelassenen „Rest“
mitgeteilt…Es blieb offensichtlich nichts übrig.
Später
wurden dann auch noch immer wieder Fetzen des wunderbaren Panoramas
sichtbar! Weiter ging´s auf dem Rundweg durch z.T. ziemlich matschig
gewordene Abschnitte an der Waldhoaralm vorbei wieder bergauf zum
Ausgangs- und Treffpunkt mit Hubert´s Gruppe zurück. Eine gute Tour mit
viel Spaß unterwegs zum Abschluss!
Beate
führte
ihre Gruppe vom Spieljoch über
Geosalm und Obere Gartalm zur Kellerjochhütte, wofür zuletzt Trittsicherheit und Gehen auf
seil-gesichertem Weg gefragt war. Auch hier zufriedene Gesichter am Abend!
Zwei
unserer Tourenführer hatten es zum Abschluß eigentlich noch einmal genau
wissen wollen: Helmut wollte
ursprünglich vom Schlegeisspeicher (1782m) in mindestens 6 Std. über
die Olpererhütte zum Friesenberghaus
(2477m) und zurück zum Speicher. Und Hubert
schlug vor, in einer mindestens 7-Std.-Tour vom Schlegeisspeicher über
die Olpererhütte zum Pfitscherjochhaus (2275m) und zum Speicher zurück
zu wandern. Enttäuschung und sogar ein Anflug von Ärger bei Hubert, als
sich nur 3 nimmermüde Interessenten/-innen dafür meldeten.
Aber
es wurden Alternativen am nächsten Morgen vorgeschlagen und am Samstagabend
war alles vergessen…
Beim
traditionelle Abschiedsabend am
Samstag wurde zwar nicht gesungen, wie früher häufiger, aber in
bester Laune lange über die kleinen Episoden und unvergesslichen Momente
der vergangenen Woche geredet.
Im
Dank an Hubert für die Planung im Vorfeld; an Beate, Wolfgang, Helmut und
Hubert für ihre flexiblen Planungen vor Ort und die verantwortungsvollen
und gut gelaunten Führungen; und an Mario für den reibungslosen Hol- und
Bringtransport kam sehr ehrlich die Anerkennung und der Dank aller zum
Ausdruck, wie glücklich diese Bergwoche – wieder einmal – verlaufen
war! Kees Denboer hat dies in einer wunderbaren Ansprache mit einer
Sprach- und Wortgewalt voller Witz und mit einer Spur besinnlicher
Nachdenklichkeit, vielleicht sogar Wehmut, unnachahmlich zum Ausdruck
gebracht. Dem war nichts hinzuzufügen außer dem Wunsch: Bitte, bitte,
ermöglicht uns auch nächstes Jahr wieder eine so schöne Bergwoche!
Ingrid
Sobez
Eine
persönliche Anmerkung:
Das
Zillertal als Ziel der Bergwoche erschien mir neben den vielen Vorteilen,
die es für die verschiedensten Bergsteiger-Wünsche bietet, seien es
lange oder kürzere Bergwanderungen, seien es Klettersteige oder
Gletschertouren, oder seien es Shopping-Stunden, auch aus anderen Gründen
als ein ganz besonderes Ziel:
Es
ist geschichtlich gesehen ein uralter wirtschaftlicher und kultureller
Verbindungsweg zwischen Innsbruck bzw. Salzburg und Südtirol. Es hat als
solches alles mögliche verschlafen und als es aufgewacht ist, war es
gottlob für manche typischen Touristen-Ort-Fehler schon zu spät!
Es
ist durch den Naturpark „Zillertaler Alpen“ und den nahen Nationalpark
„Hohe Tauern“ ein selten schönes, blumenreiches, wasserreiches Tal
geblieben, das vor zukünftigen groben Verschandelungen hoffentlich
einigermaßen geschützt ist. Wer hier aufmerksam wandert, kann auch für
diese Haltung zur Natur ein geschärftes Bewusstsein mitnehmen.
Im
Zillertal mit seinen berühmten Mineralienfunden wie Bergkristall,
Amethyst, Granat u.v.a. kann auch der Gold- und Silberbergbau des vorigen
Jahrhunderts als Beispiel früher „Industrialisierung“ im Gebirge
anschaulich nachvollzogen werden.
Nicht
zuletzt ist es für „Alpenvereinler“ eine vereinsgeschichtliche
Lehrstunde zum Anfassen: was die Berliner, Prager und Greizer Sektionen
hier geleistet haben, was es mit dem DuOeAV und dem DAVB Gutes und Böses
auf sich hatte, ist alles hautnah erfahrbar und nachlesbar auf der
Begegnungsstätte Friesenberghaus und der imposant-eindrücklichen
Berliner Hütte, wo zusätzlich die (Nicht-Aufnahme-)Geschichte der Frauen
im DAV nachvollzogen werden kann.
Als
kleines, billiges (3 €), höchst informatives und schönes Büchlein
empfehle ich:
Steger,
G.: Alpengeschichte kurz und bündig. Ginzling im Zillertal. Reihe
Bergsteigerdörfer. Österreichischer Alpenverein. Innsbruck 2010
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